Eine Art Pendenz…
Ich wache um 4 Uhr auf. Die Blitze zucken und beleuchten das Schlafzimmer immer wieder. Das Donnergrollen ist enorm laut und 3 bis 6 Sekunden entfernt. „Gewitter am Morgen kommen wieder…“ sagte meine Mutter immer wieder und sie hatte meistens Recht.
Also stelle ich mir ein Schlechtwetterprogramm zusammen: Regula soll mir die Haare schneiden, dann Einkaufen, Pendenzen in der Sternwarte Steffisburg erledigen und danach endlich einmal das Schloss Oberhofen besichtigen.
Obwohl ich ab Mitte der Siebzigerjahre für ein paar Jahre in Oberhofen gewohnt habe, bin ich nie im Schloss Oberhofen gewesen. Das ist schon fast eine Schande. Nun da meine Tage in der Schweiz für eine längere Zeit gezählt sind, wäre es an der Zeit diese Kulturschande endlich zu beseitigen. Als Museumspass-Besitzer ist dieses Erlebnis sogar kostenlos.
Über dem Thunersee hat sich der Himmel geöffnet und es ist frühlingshaft warm. Die Dame am Empfang fragt mich, ob ich nicht doch eine Jacke anziehen wolle, es sei nämlich ziemlich kalt im Schloss.
Die Eingangshalle, das Treppenhaus und die sehr schön möblierten Zimmer empfangen mich dann mit einer winterlichen Kälte. Es riecht etwas „barock“ und das Schloss scheint erst gerade aus dem Winterschlaf erwacht zu sein. An mir geht das spurlos vorüber. Ich geniesse dieses Zurückversetztsein in eine längst vergangene Zeit, ich blicke in die ernsthaften Gesichter der vielen gemalten Grössen und frage mich, wie diese Menschen wohl gewesen sind. Streng, rechthaberisch, liebenswürdig, zufrieden oder unglücklich? Sie verraten es mir nicht und die Beschreibungen sagen nur etwas über ihre weltlichen Leistungen aus. Man wird eben an seinen Taten gemessen und nicht an seiner Seele. Das ist irgendwie frustrierend.
Nun werde ich also in ein Land gehen, in welchem nichts älter als 230 Jahre ist, wenn man einmal von den Ureinwohnern absieht.
Ich kehre am Eingang zum Schloss noch einmal um und gehe zurück. Ich muss dieses Gefühl in den alten Räumen noch einmal in mich aufsaugen und den Hauch der alten Gemäuer spüren. Vielleicht kann ich etwas davon mitnehmen…
