Ich bin frustriert. Und das Glas Wein neben mir ist leer. Aber wenigstens waren die Crumbed Chicken und die aufgewärmten Spaghetti wirklich gut. Ich hole mir jetzt ein zweites Glas…
Aber nun ganz von Anfang…
Ich sitze gemütlich in der schon sehr heissen Morgensonne und trinke meinen Tee fertig. Ich blättere in der Mailbox und dann poppt ein Mail von Cheyne auf. Ob ich einen Bienenschwarm bei einer Freundin im Garten einfangen könne?
Also rufe ich Stacy an und frage sie, ob der Schwarm in „Griffnähe“ sei. Das scheint der Fall zu sein und darum packe ich mein „Bee Rescue Equipment“ ins Auto und rufe Bert an. Keine Antwort. Also fahre ich hin, aber weder Bert noch sein Hund sind anwesend.
Erster Alleingang
Ich habe nun schon einige Schwärme eingefangen, aber immer nur als Gehilfe von Bert. Nun muss ich beweisen, dass ich das auch ohne Bert kann. Etwas mulmig ist mir schon zumute…
Ich parke genau am richtigen Ort und Stacy erscheint. Aufgestellt, mit einer echt alternativen, verfilzten und ergrauten Frisur, aber mit einem Lächeln und offensichtlich froh, dass ihr jemand ihr Problem löst….
Alles scheint ganz einfach…
Der Schwarm sitzt in einer Mehrfach-Astgabel eines sehr alten Baumes. Ich lege das weisse Tuch unter dem Baum aus, setzte die („allzeit bereite“) Beebox genau unter den Schwarm. Er hängt auf Augenhöhe und ist ganz friedlich. Aber ein paar Puffs aus dem Smocker können nicht schaden und dann packe ich den Ast, um die Traube herunter zu schütteln.
Aber der Ast bewegt sich keinen Milimeter. Das Holz des Baumes ist zäh wie Stahl. Die Bienen spüren nicht einmal einen Ruck…
Was nun? Diesen Fall habe ich mit Bert nicht geübt. Nachdenken…
Leider ist der Baum nicht nur steinhart, sondern er hat auch noch eine sehr grobe Rinde mit tiefen Furchen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als die Bienen mit zwei Händen sozusagen Löffelweise zu ergreifen und vor den Eingang der Bee Box zu legen. Nach ein paar solcher „Hampfele“ liegen einige Tausend Bienen vor dem Eingang und ich freue mich riesig, dass sie nun in die Bee Box hinein kriechen…
Genauso wie ich mir das ausgedacht habe. Nun muss ich nur noch den Rest der Bienen aus dieser engen Astgabel heraus schöpfen und dann ist der Erfolg sicher…l
Aber es kommt alles anders…
Es wird immer schwieriger eine grosse Zahl von von Bienen aus der Astgabel zu heben, denn die Bienen in der Bee Box haben nun den „Rückmarsch“ angetreten und sie schwirren um mich herum und sammeln sich wieder an diesem „blöden“ Ast… Das Ganze gleicht einer Art Sisiphos-Arbeit.
Ich warte ein Weilchen und beginne mit der gleichen Prozedur von vorne. Diesmal scheinend sie in der Box z bleiben, aber ganz sicher bin ich mir nicht…
Es hilft nur noch Abwarten…
Ich fahre nach Hause und dann rufe ich Stacy nach dem Mittag an. „I can only see seven bees…“
Mehr muss ich nicht wissen! Ganz offensichtlich hat sich die Queen in der groben Rinde des Baumes festgesetzt und ich habe sie nicht in die Bee Box schöpfen können. Und weil sie sich durch mein „Baggern“ offensichtlich genervt fühlten, haben sie das Weite gesucht. Kein Efolg für mich…
Die Lehre daraus…
Bert hat vor ein paar Wochen eine „Vacuum Box“ gebaut. Im Prinzip funktioniert das wie ein Aschebehälter, den man auf der Saugseite des Staubsaugers anhängt und dann die heisse Asche aus dem Cheminee absaugen kann.
Aber Bert war nicht erreichbar und ausprobiert haben wir diesen „Bienen-Sauger“ auch noch nie. Aber heute wäre er goldrichtig gewesen. Man hat nie ausgelernt!
Ich steige in die Fähre ein, überlege mir vorher ob ich auf Steuerbord oder Backbord sitzen soll, damit ich im Schatten zum Taronga Zoo schippern kann… Es wird wohl heiss genug werden an diesem fast wolkenlosen Samstag. Ich freue mich, dass ich früh genug bin, denn es hat wenig „Volk“ auf der Fähre. Und ausserdem ist es spannend, dass die Fähre alle Ländten anfährt, die ich bisher noch nicht gekannt habe. Als sie dann aber die Bucht wieder überquert und das Sydney Opera House immer näher kommt, da verdichtet sich der Verdacht, dass ich auf der falschen Fähre sitze…
Ich habe ein Ticket im Sack…
Also schaue ich im Circular Quai nochmals genauer auf die elektronische Anzeige-Tafel und dann steige auf der richtigen Seite des Ferry Terminals ein. Diese Fähre ist allerdings zum Bersten voll…
Und damit gibt es beim Eingang zum Taronga Zoo einen riesigen Stau vor der Kabinenbahn („The only Cable Car in Sydney“). Denn wer geht schon zu Fuss nach oben durch den Zoo?
Am Samstag ist Kinderausflugstag mit Kinderwagen, Snugglies und Grosseltern. Das zusammen ergibt eine sozusagen „zähflüssige“ Menschenmasse mit einem gehörigen Lärmpegel. Die armen Tiere müssen das Klopfen an die Glascheiben ertragen, vor Kindern die Flucht ergreifen, welche mit diesen „Toys“ Fangis spielen wollen oder Plastiksäcke verspeisen, weil es darin noch Essensreste hat. Und die Grosseltern schreien fortgesetzt „Look – Look – Look“, damit ihre Grosskinder endlich lernen, wie ein Kangaroo aussieht…
„We are making a better Zoo“ steht an vielen Baustellen. Umgebaut wird hier im grossen Stil, denn die Platzreserven in einer Grossstadt sind gleich Null. Und darum bleibt nur noch „verdichten“…
Wenn ich auf einer Reise bin und es hat in einem Ort einen Botanical Garden oder einen Zoo, dann bin ich dort anzutreffen. Zum Glück sind sie alle grundverschieden und ein Vergleich ist eigentlich nur schwer zu machen. Aber der Western Plain Zoo in Dubbo hat die Nase ganz weit vorne.
Auf der Rückfahrt mit der Fähre (man kann hier nicht falsch einsteigen!) mache ich eine kleine Rückschau. Es ist erstaunlich, wie viele von den Tieren, welche hier hinter Zäunen oder Glasscheiben zu bewundern sind, mir in der freien Natur oder am Morgen beim Frühstück im Garten schon begegnet sind…
Seit kurzem haben wir im Garten mehrere Red Bellied Black Snakes. Wunderschöne Tiere und „ein bisschen giftig“. Ich nehme an, dass Jane nun nicht mehr mit blossen Füssen im Garten herum läuft. Ich freue mich jedenfalls auf die erste Begegnung mit einer solchen Schlange – dann gibts hier ein paar hübsche Portrait-Aufnahmen zu sehen…
Wo gibt’s die schlechtesten Lemon Tarts?
In „The Rocks“ beim berühmten „The Bakers Oven“. Im Outback kann man in jeder Bakery Lemon Tarts und andere Süssspeisen haben. Und immer gibt’s dazu entweder Schlagrahm oder sogar eine Kugel Ice Cream. Und sie werden immer frisch gemacht – denn woher sollten sie sonst kommen?
Aber hier in The Rocks begnügt man sich damit, ein bisschen Puderzucker drüber zu streuen. Und ausserdem sind sie ziemlich trocken… Zusammen mit einem sehr kleinen „Large Cappuccino“ macht das AU$ 19.80. Darum „liebe“ ich Grossstädte…
Traffic Jam
Eigentlich bin ich schon etwas knapp dran, aber ich muss heute nach diesem trostlosen „Lunch“ noch etwas Wasser sehen. Ich nehme die Fähre und fahre bis nach Darling Harbour. Auf der Sydney Bay herrscht reger Verkehr. Teuerste Motorjachten mit teils futuristischem Design, Party-Jachten mit männlichem Bedienungspersonal in G-Strings und offensichtlich zufriedenen jungen Damen auf dem Vordeck, grosse Segeljachten unter Motor (!) und ganz wenige, eher etwas klassischere und kleinere Segeljachten unter Segel…
Mit dem Light Train geht es zurück in meine Absteige, denn dort steht noch mein Koffer…
In der Station Redfern herrscht dann Chaos. Per Lautsprechen werden ganze Züge geräumt, weil offensichtlich das Netz im City Circle zusammen gebrochen ist… und nachdem der Zug leer ist, fährt er trotzdem ab… und alle stehen nun auf dem falschen Perron und müssen auf den nächsten Zug warten…
In Sydney Central ist das Perron gestossen voll und die Lautsprecher-Ansagen überschlagen sich. Und weil der Sprecher offenbar weiss, dass er mit seinen immer länger werdenden Verspätungsmeldungen die Wartenden verärgert, beginnt er seine Taktik zu ändern. Er rapportiert, wo der Zug gerade steckt und zum Schluss sagt er: “The train on track 23 will arrive in about 60 seconds…” und damit hatte er sogar Recht.
Ein Messerchen verschwindet im Schlitz…
Ich trage beim Fliegen keine Balettschühchen und weil ich mit meiner Tinbox nicht durch den Metalldetektor marschieren sollte, tasten sie mich immer ab und ich muss meine Schuhe durch den Metalldetektor laufen lassen…
Die sind immer „sauber“. Aber in meinem Rucksack fanden sie ein kleines Taschenmesserchen … und das wandert nun durch den Schlitz der „verbotenen“ Sachen. Ich hoffe, dass ich noch etwas dazu lerne, bevor mein Vorrat an diesen Firmengeschenken aufgebraucht ist…
Großstädte zocken ab. Das ist vermutlich überall so und darum habe ich keine Lust für zwei Nächte in Sydney rund 700 Dollar hinzublättern. Wer es billiger haben will, der muss entweder in die Suburbs ausweichen oder eben die Komfortansprüche über Bord werfen…
Song Hotel – ehemals ein Youth Hostel – heute die Absteige für Leute wie mich. Viele Asiaten, mit und ohne Krawatte (!), aber keine zwielichtigen Gestalten. In einem Quartier, in welches man ohne Not nachts nicht hingehen würde. An einer lärmigen Straße, gleich neben dem Bahnhof Redfern mit hunderten von lärmigen Vorortszügen. Das Bett ist zu kurz… Aber (kurz vor dem Einschlafen überlegt) … würde ich in einer A380 liegen, wäre das Bett auch zu kurz. Außerdem würde dieses 150 Dollar pro Stunde kosten (die Transportkosten sind schon abgezogen), hier hingegen kostet mich die Stunde Schlaf nur gerade 30 Dollar… Man muss die Dinge eben von der richtigen Seite betrachten…
Man müsste es mal wieder herunter waschen…
In Sydney muss ich über die Bridge, auch wenn mein Weg nicht über diese führen würde. Und außerdem muss ich auf den Pylon steigen, damit ich sehen kann, ob das Dach des Sydney Opera House so weiß glänzt wie auf den Prospekten… Nein, tut es nicht, denn der Wind hat offensichtlich Staub aus dem Outback hierher geblasen. Und nun sieht es aus, als hätte man es ein paar Wochen in Broken Hill im Staub stehen lassen. Ich gehe weiter (einem Strom von Sportlerinnen entgegen, welche an einem CoastWalk mitmachen und alle nummeriert sind…) und betrachte mit Interesse die Stahlkonstruktion, die Nieten und die rostigen Stellen der Bridge. Mein Interesse gilt heute eher den ästhetischen Dingen…
Amigo gefunden?
Ich bin nur deshalb in Sydney, weil ich vor einem halben Jahr das Maritime Museum nicht besucht habe. Und außerdem hat mir jemand gesagt, dass man dort die Rekonstruktion der „Batavia“ sehen könne, welche 1629 in den Abrollas Islands auf ein Riff aufgelaufen ist…
Ich habe gerade das Buch „Batavia“ von Peter Fitzsimons gelesen. Davon aber später…
Es gibt hier zwar „Tall Ships“, aber die Überreste der Batavia liegen in Fremantle. Ansonsten ist dieses Museum für Segler und Seeleute ein Muss! Wirklich gut gemacht – und dann kommt für mich „das Hughlight des Tages“. Ich würde schwören, dass ich ein Dinghy vom Typ „Amigo“ gefunden habe. Ich mache eine ganze Serie von Fotos, denn nun hat es mich wieder gepackt… “Amigo“ muss nun endlich umgebaut werden. Selbst wenn das Dinghy im Museum nicht exakt meinem Dinghy entsprechen sollte, so kann ich doch aus den Bildern gute Hinweise für den Umbau entnehmen.
Batavia – ein „Nautischer Krimi“
Viele Australier haben den Namen „Batavia“ schon mal gehört – etwas Genaues wissen die wenigsten… Sozusagen als „Vorbereitung“ für den Besuch des Maritime Museum habe ich mir die Geschichte der Batavia einverleibt. Man muss keinen James Patterson lesen, um in den Genuss von Blut, Meuterei und Mord zu kommen. das gab es schon knapp 400 Jahre vor unserer Zeit in der „Christlichen Seefahrt“. Meines Wissens ist dieses Buch nicht in Deutscher Übersetzung erhältlich – aber es frischt die Englischkenntnisse mit seltener Spannung auf. Ein richtige Segler muss es gelesen haben…
Chinatown
Jeder hat so seine „Routinen“. Ich rekognosziere immer auf dem Rückweg ins Hotel die verfügbaren Restaurants – und je nachdem wie „abgelaufen“ meine Füsse schon sind, entscheide ich mich für ein Restaurant. Vor einem halben Jahr war ich einmal im „Emporers Garden“ und das Essen ist mir in bester Erinnerung geblieben.
Mein Hotel liegt nur einen Kilometer weiter weg als jenes vor einem Jahr. Ich muss vor dem Schlafengehen noch ein kulinarisches Erlebnis haben und darum nehme ich den Weg unter die Füsse. Es hat sich wieder gelohnt und damit stehe ich das zu kurze Bett durch…
Ich stehe in der Reception meines Motels und frage nach einem Late-Check-out, denn mein Zug fährt erst um 14:15. „Karl?“ „Yes“ „German?“ „No Swiss“ „You know Le Locle?“ und dann entspinnt sich ein längeres Gespräch über Uhrenmuseen, Zugreisen durch den Jura, Tissot und Nestlé. Ich weiss nun alles über die Tante des Mannes hinter dem Desk, welche in Le Locle gelebt hat … und noch viel mehr. Ich habe meinen Late-Check-out!
Some have 9 to 5 jobs
Wenn man um 9am in einer Stadt unterwegs ist, dann spielt sich immer die gleiche Szene ab: ganze Heerscharen von gut gekleideten Damen und Herren spazieren in Gruppen durch die Strassen. Sie haben es nicht eilig und in der Hand halten sie einen Pappbecher mit Kaffee.
Kurz vor 9am waren sie im Büro einer Bank, Versicherung, eines Amtes oder eines anderen Dienstleistungsbetriebes. Und nun sind sie unterwegs, um sich jenen Kaffee zu holen, der ihnen das Überleben in ihrer schweren Arbeit und im klimatisierten Büro sichert.
Wäre ich um 7:30am unterwegs, dann würden die Handwerker mit ihren „Utes“ heran brausen (es hat dann noch keine Autos in der Stadt), in den Coffee Shop stürzen, bewaffnet mit dem Ledergürtel, an welchem Zangen, Akku-Bohrmaschinen, Schraubenzieher und anderes Gerät hängt, den Kaffee abholen und wieder in den Ute einsteigen. Den Motor müssen sie nicht starten, denn sie haben keine Hand mehr frei für den Zündschlüssel. Eine Hand am Steuer – eine Hand am Kaffeebecher…
Es ist nun 9:30 und ich sitze in Dubbo auf der Schattenseite der Hauptstrasse. Mein Frühstück habe ich hinter mir. Noch bleibt ein letzter Schluck Kaffee in der Tasse. Bis vor ein paar Minuten hatte es vier Stühle an meinem Tisch. Hinter mir reden und gestikulieren nun die Pensionierten. Ihr Lärm ist so laut, dass die SUVA für Tischnachbarn vermutlich das Tragen eines Gehörschutzes vorschreiben würde. Diese Gruppe kennt sich offenbar und sie trifft sich wohl täglich und sammelt von allen Tischen alle Stühle zusammen, damit sie an einem Haufen sitzen können…
Wann die Frauen von ihrer ermüdenden Shopping Tour hier eintrudeln weiss ich noch nicht – aber auch sie werden Kaffee benötigen. Und sie können unmöglich lauter sein…
Macquarie River
Er liegt tief in seinem Bett. Träge und ohne dass ich erkennen könnte, in welche Richtung er fliesst. Er ist über weite Flächen mit Wasserpflanzen bewachsen. Wenn es allerdings im Outback und auf der westlichen Seite der Great Dividing Ranges richtig und lange regnet, dann kann sein Pegel mehr als 8 Meter über dem mittleren Wasserstand liegen. Und dann hat man in Dubbo gerade noch trockene Füsse in der Einkaufsstrasse.
Da viele Australier den Weg zum nächsten Abfallbehälter als zu weit empfinden, landen Plastiksäcke, Kaffeebecher und Fastfood-Verpackungen häufig im Strassengraben. Und wenn dann der grosse Regen kommt, dann werden diese „Zivilisationsabfälle“ unweigerlich in den Fluss gespült. Das verursacht bei diesen ökologisch ohnehin schwer geplagten Fisch- und Tierbeständen weitere Schäden. Darum hat man hier sogenannte „Stormwater Retaining Bassins“ gebaut. Dort werden alle diese Abfälle in einem Rechen zurück gehalten, bevor das Wasser in den Fluss fliessen kann… eine klassische „End-of-pipe Solution“. Ich glaube, ich habe schon im Studium gelernt, dass das der falsche Ansatz ist. Irgend etwas stimmt nicht mit dem Umweltbewusstsein der Australier.
Ich bin auf dem Weg zum Bahnhof. Vor mir wirbelt einer dieser Plastiksäcke aus einem Supermarkt im warmen Wind über das Trottoir. Ich ärgere mich und gehe weiter… Aber dann kehre ich um, gehe diese 10 Schritte zurück, hebe den Plastiksack auf und werfe ihn in den nahe gelegenen Rubbish Bin. „It’s not my bag – but it’s my country…”
Ketchup-Verbot
Zweimal am Tag ruft das Buffetpersonal im Zug die Passagiere dazu auf ihre Menuebestellungen anzugeben. Und danach kommt einer mit einer Handvoll Kärtchen und wer Spaghetti Bolognese bestellt, der bekommt ein entsprechendes Kärtchen.
Eine Stunde später ruft er wieder über Lautsprecher die Hungrigen dazu auf, nun ihr bestelltes Essen im Buffet abzuholen… Und dann füllt sich der Bahnwagen mit einer Mischung es Essensgerüchen, dass dem weniger Hungrigen ein allenfalls vorhandener, kleiner Hunger sofort abhanden kommt.
Das ist einigermassen zu ertragen – aber wenn dann die Pommes oder die Meat Pies aus den Tüten genommen werden und die Hungrigen den Ketchup aus der kleinen Packung auf das heisse Essen quetschen, dann wird es vollends unerträglich. Und dann würde ich am liebsten rufen: „Verbietet endlich dieses entsetzliche Ketchup…“
„They don’t have bacon – only organic food and that stuff…”
sagt der ältere Mann hinter mir, als ich an der Theke des Cafés frage, ob ich ein Breakfast haben könne. „Sorry we don’t have bacon. Would you like to have an avocado with the eggs…?” fragt mich die junge Dame vor der Kaffeemaschine. Gütiger Himmel, was soll denn eine Avocado auf einem Spiegelei? Ich bestelle „plain“…
Thrifty oder das blödsinnigste Auto
Mit einem etwas trockenen Mund gehe ich zur Autovermietung von Thrifty. Vor einer Woche habe ich mich bei RentalCars.com als Mitglied eingeschrieben und alle meine Daten hinterlegt. Nun stehe ich an der Theke von Thrifty und lege meine Reservation vor. Ich habe einen Kleinwagen bestellt, aber vor der Türe steht ein typisch Australischer „Muscle Car“: Holden SV6 mit Niederquerschnittreifen, Spoiler bis fast auf den Straßenbelag hinunter und total übermotorisiert. Spielzeug für den häufig anzutreffenden Australier vom Typ „Small Brain – Big Belly – Big Balls”.
Ich schüttle ein bisschen den Kopf, aber das ist wohl das „Eintrittsgeschenk“ für meine Mitgliedschaft. Die Übergabe ist kurz und bündig. Der Vermieter bleibt noch unter der Türe stehen und beobachtet, ob „the old man“ dieses schnelle Auto auch ohne Blechschaden durchs Tor fahren kann…
On the Road
Parkes hält sich historisch gesehen für wichtig. Denn diese Stadt ist nach Henry Parkes benannt, welcher einer der Gründerväter des modernen Australiens ist und ausserdem für den Ausbau des Eisenbahnnetzes in NSW gekämpft hat. Und darum hat Parkes ein „Heritage Museum”. Das ist eine kunterbunte Sammlung vom Porzellangeschirr bis zur uralten Dampfwalze. Und ein Elvis Presley-Museum – warum, weiss ich nicht… (Nachtrag: Jährlich findet hier ein Elvis-Festival statt)
Gold Mining
In Peak Hill hat man anfangs 1900 Gold gefunden. Aber der Abbau war Schwerarbeit und kein „Goldenes Handwerk“ und darum hat man die Exploration wieder eingestellt. Anfangs 2000 hat man es erneut versucht und mit modernen Geräten etwas mehr abgebaut. 2006 war auch dieses Abenteuer zu Ende.
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Und seitdem sieht man im Ort Peak Hill den Zerfall. Ein gutes Drittel der Läden sind geschlossen und die vielen „Antiquitäten“-Läden sprechen Bände.
The Dish
Das Radioteleskop von Parkes – genannt The Dish – hat mich schon vor einem Jahr fasziniert. Ich bin wieder hier und blicke von der Rückseite auf den 64 Meter grossen Parabol-„Spiegel“. Gelegentlich höre ich die schweren Elektromotoren anlaufen und dann fährt das Teleskop in eine neue Position. Schade dass man keinen Zutritt zum Kontrollzentrum haben kann. Ich würde gerne einmal „in den Weltraum hinaus horchen“…
Ich habe einen Traum begraben…
Vor langer Zeit hatte ich einmal die Idee mit dem Greyhound von der Ostküste an die Westküste zu fahren. Faszinierend ist die Idee immer noch – aber nach der heutigen Bus-Fahrt von Parkes nach Dubbo habe ich diese Idee endgültig beerdigt. Nach nur anderthalb Stunden war ich (auf dem soeben sanierten Newell Highway) derart durchgeschüttelt, dass mir die Lust auf Bus-Fahren vergangen ist. Obschon die Busse von NSW TrainLink brandneu sind, ist ihr Fahrkomfort so schlecht und die Sitze so eng, dass es für mich eine Tortur ist.
Ich glaube nicht, dass Greyhound-Busse die Strassen von Australien besser „wegstecken“… vielleicht sind die Sitze etwas weniger eng gestuhlt. Ich verzichte auf diesen Versuch!
Um 6 Uhr aufstehen ist (in den Ferien!!!) nicht ganz mein Ding. Ich brauche ein bisschen Überwindung, aber schon nach der Dusche ist das Gefühl wesentlich besser.
Und vollends gut wird es nach dem ersten, sehr kalten Windstoss, wenn hinter mir die Türe zu meiner nächtlichen Bleibe ins Schloss fällt…
Der Himmel ist dunkel, die Mondsichel steht fast im Zenith und der kalte Wind auf der Haut ist wie ein Jungbrunnen. Wenn ich nun noch ein gutes Frühstück bekomme, dann verliebe ich mich erneut in Broken Hill.
Die Argent Street ist dunkel und verlassen. Man löscht hier alle Schaufensterbeleuchtungen schon kurz nach Sonnenuntergang. Meine Hoffnungen sinken und der erste Coffee Shop auf meiner „Liste“ von gestern Abend ist stockdunkel…
„How would you like your eggs? Soft or hard?“
Kurz bevor ich nüchtern und unglücklich nach Norden zum Bahnhof abbiegen muss, öffnet eine Dame die quietschenden Falttüren ihres Cafés. Drinnen ist es noch stockdunkel, aber ich überquere trotzdem die menschenleere Strasse. „Coffee?“ fragt sie. „Yes please and a decent breakfast…“
Dieser Coffee Shop ist ziemlich gross und die offene Küche so gross, dass man hier eine Kompanie verpflegen könnte. Die Dame ist Allrounderin und macht alles selbst. Denn um diese Zeit ist noch niemand unterwegs…
Schon brutzelt der Speck in der Pfanne und der Cappuccino spendet Lebensfreude. Ich geniesse es…
“You know having a breakfast like this is like waking up in paradise…” sage ich ihr zum Abschied. Broken Hill I’ll see you again…
Sonnenaufgang
Es wird Zeit zum Bahnhof zu gehen. Vor dem Brekkie war es dunkel und sehr kühl. Jetzt beleuchtet die Sonne bereits die Giebel der Prunkbauten aus der Gründerzeit und die Gedenkstätte auf der Abraumhalde hinter dem Bahnhof. Dort sind die Namen aller Bergleute in Marmor graviert, welche seit Beginn ihr Leben für Silber und andere Edelmetalle lassen mussten. Eine beeindruckende Zahl – aber stark abnehmend, denn offensichtlich ist der Bergbau sicherer geworden…
Ist das nicht langweilig?
Das könnte man jemanden fragen, der mit dem Zug nach Broken Hill fährt und am nächsten Morgen die gleiche Strecke zurück fährt.
Nein, ist es nicht! Gestern ging die Sonne im Westen unter und ich sass auf der westlichen Seite des Zuges. Heute steht die Sonne im Osten und das Licht des Morgens taucht das Outback in ein frisches, irgendwie unverbrauchtes Licht. Und ausserdem habe ich heute einen Ausblick nach Osten. Und wieder sind die Kängurus, die Emus, die Ziegen, die Rinder und die Schafe auf der Flucht vor diesem Ungeheuer, das ihnen jede Woche einmal die Ruhe verdirbt…
Auf dem Seegrund wächst Gras
Der Zug überquert den Darling River. Genau dort, wo dieser Fluss gestaut wird und wenn er „überläuft“, sein Wasser in den Lake Menindee und weitere grosse Seen ergiesst. Aber der Darling River leidet an Wassermangel. Er wird entlang seines Flussbettes von den Great Dividing Ranges bis nach Mildura immer wieder „angezapft“. Menschen, Tiere und vor allem die Landwirtschaft wollen sein Wasser… und darum bleibt dem Lake Menindee nichts anderes übrig, als auf seinem Seegrund Gras wachsen zu lassen…
„Wo bist Du?“
“Im Outback – natürlich!“
„ … und warum bist Du so sicher?“
„Weil ich immer Wasser aus dem Hahn trinke…“
Im Outback gibt es kein „Quellwasser“. Hier kommt das Wasser aus einem Fluss oder einem Stausee, was letztlich aufs Gleiche hinaus läuft. Ganz selten kommt es aus einer Tiefbohrung. Und darum hat Wasser einen untrügerischen, meist erdigen Geschmack. In Broken Hill hat es auch schon mal ganz leicht nach Benzin gerochen… das tat es aber diesmal nicht.
Einige Wasserversorgungen mischen immer noch Chlor bei. Das ist leider eine Unsitte (jedenfalls in den unangenehm schmeckenden, hohen Dosen) und lässt nichts Gutes ahnen.
„Gutes“ Outback-Hahnenwasser ist darum vielfältig, charaktervoll und es hat mich noch nie bei einem guten Nachtessen gestört. Heute hingegen, gibt es Chlorwasser mit Fettucine Carbonara.
Was nun in diesem „Italian Restaurant“ von der jungen Asiatin gebracht wird, sind die absurdesten Pasti Carbonara, die ich je in meinem Leben essen musste…
Fertucine an einer braunen Sauce (Demi-Glace) mit gebratenem Chicken und Schinken, Champignon, Zwiebelringen und „on top“ einige, fädenziehende Cheddar-Flocken. Das Ganze ziemlich heftig versalzen…
Bahnhöfe in Europa sind Knotenpunkte der Hektik – in Australien sind es Orte der Ruhe. Und je weiter man nach Osten fährt, umso einsamer werden sie. Man könnte stundenlang unter der Perronüberdachung sitzen und ausser ein paar Cockatoos würde sich nichts bewegen. Der Schalter ist geschlossen, nur der Getränkeautomat röchelt vor sich hin und die Klimanalage verwandelt die Wartehalle in einen Kühlschrank…
Ich hoffe auf einen alten, klapprigen Outback-Zug, gezogen von einer rostigen, uralten Diesellok. Diese Fortbewegungsart ist am Aussterben und darum werde ich wohl in einem (auch nicht mehr ganz frischen) XPT Platz nehmen müssen. Und ob die Schienen den Zug wild herum hüpfen lassen, weiss ich auch noch nicht. Wenn die Minengesellschaften ihre Züge an die Küste rollen lassen, dann stellen sie als erstes die Schienen instand, damit die kostbare Fracht nicht plötzlich neben dem Geleise landet. Und dann hat der XPT freie Fahrt – und nichts bleibt übrig von der Eisenbahnromantik…
Die „Reiseführerin“
Sie ist gewichtig und wichtig. Wenn sie hinter ihrem Schalter aufsteht und auf den Bahnsteig tritt, hat sie eine rote Warnweste an und dann schreitet sie den Bahnsteig auf und ab. In der Hand hält sie die Liste der Passagiere, welche hier einsteigen. Diskret macht sie eine Kontrolle, ob die hier Wartenden auch wirklich berechtigt sind in den Zug einzusteigen. Sie beginnt bei mir und fragt mich, ob ich zum ersten Mal nach Broken Hill fahren würde…
Als ich das bejahe, erklärt sie mir, dass diese Reise „terrific” sei und dass ich kurz nach Sonnenuntergang und vor Broken Hill auf ein paar Seen achten soll, auf denen viel Holz schwimme…
Dann „überprüft“ sie den stark Tätovierten mit dem gammligen Rucksack und dem Plastiksack in der Hand…
Doch keine Eisenbahnromantik…
In den Bahnhof fährt nämlich ein XPL (Express Passenger Light Train) ein. Er besteht aus zwei Triebwagen und einem Mittelwagen.
Schon nach wenigen Kilometern ist mir klar, dass das Erz aus Broken Hill kaum über diese Trasse gefahren wird. Denn dazu ist die Strecke zu holprig. Aber Container-Züge und Getreide-Züge fahren über diese Linie.
Wenn es durch die engen Kurven über die Hügel geht, dann haben die beiden Dieselmotoren etwas Atemnot und müssen schwer arbeiten. Aber auf den Geraden kann der XPL schneller fahren als die Lastwagen auf der Strasse parallel zur Bahnlinie.
Grüne Hügel – Braune Ebenen
Die Hügel sind eher sanft und kaum höher als 50 Meter. Und sie sind ausnahmslos bewaldet. Mit den typischen, niedrigen Bäumen und vielen Büschen.
Die Ebenen sind meistens ockerfarbig oder rötlich und stellenweise sind sie auch mit dem gleichen Wald bewachsen wie die Hügel. Wenn eine Ebene grasgrün ist, dann ist sie landwirtschaftlich bewirtschaftet. Entweder durch den Anbau von Getreide (dieses ist aber längst abgeerntet) oder mit Baumwolle. Diese beginnt ihre Erntezeit erst in ein paar Wochen. Und dazu braucht es Wasser – sehr viel Wasser. In langen Kanälen wird es vom nächstgelegenen Fluss oder aus den riesigen, offenen Wasserspeichern bis an die Wurzeln gebracht. Ob Baumwolle wirklich ein „grünes“ Produkt ist, kann man bei diesen gigantischen Kanalsystemen wirklich hinterfragen.
Drei kurze Hornstösse…
… und dann kracht es. Der Zug hat soeben ein Känguru totgefahren. Ein weiteres, noch jüngeres Känguru ist auf der Flucht…
Bahnstrecken sind auf beiden Seiten mit Wildschutzzäunen „gesichert“, aber Kängurus grasen eben dort, wo andere Tiere nicht hin kommen. Wenn der Zug mit 115km/h durch die Ebene braust, sind sie nur schwer zu erkennen und bremsen kann man einen solchen Zug nicht. Kängurus sind immer auf der Verliererseite.
Ich habe noch nie in Australien ein Wildtier mit dem Auto getötet – und ich hoffe, dass mir das auch erspart bleiben wird. Ich fahre darum immer mit viel Vorsicht und eher langsamer – oder sagen wir „den Verhältnissen angepasster“ – als Australier.
Ich hoffe, dass mir dieser Unfall nicht Nachts in den Träumen wieder erscheint…
Standard Time
Nach meiner Uhr ist der Zug eine halbe Stunde verspätet, das juckt „hier draussen“ wohl niemanden… Aber als der Zugführer dann kurz vor der Ankunft den Passagieren einen schönen Abend wünscht und nicht daran denkt, sich für die Verspätung zu entschuldigen, da dämmert mir etwas: wir haben hier „Standard Time“ und der XPL ist auf die Minute pünktlich…
Cobalt Street 357
In Broken Hill sind alle Strassen nach Elementen des Periodensystems benannt, Einfach zu merken und originell.
Wer um diese Zeit in einem Motel einchecken will, hat meistens Pech – oder er habe seine „späte Ankunft“ (es ist 19:25 und die Sonne ist noch nicht untergegangen) telefonisch avisiert und dann ist der Schlüssel zum Zimmer in einer Art „Milchchäschtli“ zu finden.
Mein iPhone ist ziemlich schlau und zeigt die lokale Zeit korrekt an. Nun muss ich noch den Wecker auf 06:00am stellen und dann kann ich nach einer langen Zugreisende die Beine strecken.
Aber vorher muss ich noch auf die Suche nach einer Bakery gehen, welche vor der Abfahrt Croissants oder sonst etwas Schmackhaftes zu bieten hat… denn der Food im XPL erreicht meinen Massstab bei weitem nicht…
Auf 950m über Meer ist es im Herbst schon kühl und Lithgow liegt unter einer dünnen Nebeldecke. Die Laubbäume beginnen sich gelb und rötlich zu färben. Ich gehe auf die Strasse und es fröstelt mich, obwohl die Sonne den Nebel aufgelöst hat. Meine Suche gilt einem Frühstück… Die Strassen sind verlassen, aber dann fahren zwei Krankenwagen vor und vier Sanitäter steigen aus. Sie betreten das „Outback Café“. Ich folge ihnen und dort gibt’s tatsächlich ein sehr gutes Frühstück. I’m back on track…
Hier wird Kohle im grossen Stil abgebaut und darum hat man 1866 mit dem Bau einer Eisenbahnlinie begonnen. Weil die Blue Mountains sehr hügelig sind und man Tunnelbauten vermeiden wollte, hat diese Bahn Spitzkehren. Darum der Name Great Zig Zag Railway. Leider ist sie nach dem verheerenden Buschfeuer von 2013 noch nicht wieder in Betrieb, sonst wäre ich hier länger geblieben. Next time…
Bahnhof im Einschnitt
Weil Lithgow auf einer Hügelkuppe liegt, hat man für den Bahnhof einen tiefen Einschnitt in den Sandstein gehauen. Hier endet die elektrifizierte Strecke nach Dubbo und Broken Hill.
Der Grünkohl von Bathurst
Es geht in die Ebenen des Outback hinunter. In unendlich vielen, langezogenen Kurven fährt der XPT den Hügeln entlang hinunter. Mit möglichst wenig Gefälle. Obschon Bathurst immer noch auf 650m Höhe liegt, habe ich den Eindruck, dass es fast zwei Stunden lang bergab geht.
Wir kommen dem Outback näher; die Schafe haben ein immer dürftigeres Leben und in jeder Senke hat man kleine Seen gebaut, um das Regenwasser zu sammeln. Und im Talboden wird der Grünkohl auf den Feldern abgeerntet.
Hier endete 1814 die erste Strassenüberquerung der Blue Mountains, gebaut von Strafgefangenen… und als man 1850 Gold im Fish River fand, begann der Gold Rush…
Technologie-Sprung
Würde man die Bahnlinie von Lithgow bis Orange heute für eine Schnellbahn bauen, so müsste man wohl ein paar kürzere Brücken bauen und Tunnels graben. Und die Strecke würde keinen Drittel der Bahnstreckenlänge aus der Gründerzeit messen.
Orange
Orange ist ein regionales Zentrum. Und darum schläft Orange auch an einem Sonntag nicht. Die meisten Geschäfte haben offen und die Strassen sind voll mit Leuten, die sich einen gemütlichen Sonntag machen und shopen. Ich bin sozusagen zwangsweise unterwegs, denn mein Zimmer ist noch nicht bereit. Also gibt’s einen Cappuccino und einen Stadtbummel bei angenehmen, noch sehr warmen Herbsttemperaturen.
Bert müsste heute auch in Orange eintreffen. Aber mit dem Auto und dem 2,8 Tonnen schweren Wohnwagen. Er bleibt eine Woche lang hier, denn am Freitag beginnt der grosse Markt für Occasionen. Bert träumt immer noch von einem Oldtimer, den er dann in langer und sorgfältiger Arbeit restaurieren würde. Chris begleitet ihn… sie sitzt auf dem Portemonnaie!
Der Himmel über dem Outback
Nichts liebe ich mehr als diese Spaziergänge durch eine noch heisse Stadt und bei tief stehender Sonne. Der Himmel ist halbkugelförmig, in der oberen Hälfte stahlblau und gegen den Horizont etwas heller. Mit jeder halben Stunde sinkt die Temperatur um ein Grad und man kann sich auf einen kühlen Drink freuen. Keine Wolke war zu sehen und wenn nicht eine Gewitterfront durchzieht, dann bleibt es in den nächsten Wochen knochentrocken.
Die gleissenden, fast weiss erscheinen Farben werden langsam intensiver und wechseln dann in ein warmes Orange-Rot. Und kurz nach Sonnenuntergang ist es stockfinster…
Horatio ist krank. Er hat eine stressbedingte Krankheit, welche nur in ganz seltenen Fällen geheilt werden kann: Captive Miopathy. Solange Kängurus im Beutel der Mutter sind, sind sie weitgehend vor Lärm oder anderen Stressfaktoren geschützt. Sobald sie alt genug sind, um den Beutel für erste „Ausflüge“ zu verlassen, werden sie ausserordentlich sensibel. Stress kann dann zu einer Muskelschwäche führen und letztlich zum Versagen von Organen.
Horatio hatte gerade in dieser Zeit eine schlimme Jugend. Zuerst hat er die Mutter verloren und dann haben ihn Leute ohne Ausbildung als „Kuscheltier“ zu Hause versteckt. Sie hatten weder eine Lizenz, noch das Wissen, wie man ein Känguru-Joey aufziehen muss. Als es Horatio dann zusehends schlechter ging, wollte sich die „Besitzerin“ bei einem Pet Shop Rat und Nahrung holen. Der Ladenbesitzer war von FAWNA aber bereits informiert worden, dass ein illegal gehaltenes Känguru bei jemandem versteckt sei und als die Dame mit Horatio in den Laden kam, hat der Besitzer das Tier sofort konfisziert und FAWNA orientiert. Und so kam Horatio vor etwa 4 Wochen zu uns: unterernährt und offensichtlich schlecht gepflegt. Die fehlbare Frau hat das Weite gesucht…
Er hat sich bei uns zwar scheinbar erholt, aber diese Krankheit bricht auch noch nach Wochen aus. Trotz jedem erdenklichen Einsatz konnte Susanne Horatio nicht retten. Gestern musste der Tierarzt ihn einschläfen…
Ich bin alles andere als ein nervöser Mensch. Aber jedesmal, wenn ich eine Reise antrete, dann wirbelt das mein vegetatives Nervensystem durcheinander und ich fühle mich am Tag der Abreise ziemlich mies. Gestern Nacht wollte der Fisch vom Dinner in meinem Magen nicht zur Ruhe kommen… und darum gab es heute Morgen „Darvida“ mit einem Hauch Butter. Ganz und gar nicht meine Art ein deftiges Frühstück zu geniessen.
Eine lange Reise nach Süden…
Ich kenne diese Strecke nun schon fast auswendig und darum werde ich entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten nicht zum Fenster hinaus schauen, sondern den verpassten Schlaf nachholen. Aber es ist Samstag und darum sind viele Familien unterwegs mit schreienden Babys, ungezogenen Kindern und lauten Müttern…
Car B / Seat 19
In der First Class hat es noch einige Plätze frei und ich habe schon wieder die gleiche Platznummer… und die Familien fahren Economy Class. Aber nach der nächsten Station kommt eine Dame zu meinem Sitz, lächelt etwas verlegen und meint, ich würde auf ihrem Sitz sitzen. Ganz offensichtlich hat sie die gleiche Sitzreservation! „Stupid people…“ sagt sie (immer noch lächelnd) und sucht sich einen anderen Platz. Gemeint hat sie die Leute vom Ticketschalter im Bahnhof.
Zwei Stationen später kommt der Zugführer und fragt nach meinem Ticket. Das studiert er genau, sagt dann „… that’s weird…“ und macht dann einen „Chribel“ auf mein Ticket. Denn er hat trotz intensivem Suchen meinen Namen nicht in seiner Passagierliste gefunden – und wer nicht auf der Liste steht, der dürfte eigentlich nicht mit diesem Zug fahren.
„Ein elektronisches Reservationssystem macht keine solchen Fehler…“ sage ich mir und hole nochmals mein Ticket aus dem Rucksack. Ich habe tatsächlich eine Reservation für Car B Seat 19 —- aber ich sitze im falschen Zug. Laut meinem Ticket hätte ich um 0:28 in Wauchope in den Zug einsteigen sollen. Also habe ich beim Buchen das Häkchen beim falschen Zug gesetzt und darum hat die Dame vollkommen Recht: Stupid People…
Und damit ist auch meine Reservation von Sydney nach Lithgow total falsch. Das muss ich in Sydney am Bahnschalter noch richtig stellen, bevor ich in den Zug nach Lithgow einsteige…
Nicht in Sydney – in Strathfield
Mein Magen hat sich zwar beruhigt, aber irgendwie bin ich noch nicht „on Track…“ Irgendwann in den Blue Mountains habe ich die „gloriose Idee“ einmal den Fahrplan on-line in meinem iPhone zu checken. Und dann stelle ich fest, dass ich nicht in Sydney umsteigen muss, sondern in Strathfield… Das ist ein Bahnhof im S-Bahnnetz von Sydney und damit im Rayon der OPALCard. Diese liegt zuhause in meiner Nachttischschublade. Das gibt mir zu denken…
Ich steige in den Untergrund der Bahnstation von Strathfield und „bemächtige“ mich einer Uniformierten, welche mich wohl im Handumdrehen auf Kreuz legen könnte. Sie steht vor einem mobilen Büro mit drei Bildschirmen und einer Tastatur und sie versteht mein Anliegen nicht… Der langen Rede kurzer Sinn: ich gehe durch die Reihe der Drehkreuze und marschiere zum nächsten Billetautomaten und löse ein Ticket nach Lithgow: 10.50 Dollar als Strafe für meine Blödheit…
Sydney – grauenhaft
Das Stadtzentrum ist faszinierend – auch wenn man zum x-ten Mal dort ist. Aber die Vororte – oder besser Vorstädte – sind riesig, überfüllt und wer mit dem Auto unterwegs ist, steht ständig im Stau. Auch mein „Intercity“ nach Lithgow schleicht von Signal zu Signal (an einem Samstagnachmittag) und hält ausserdem an fast jeder Station. Die Aussicht aus den dreckigen Fenstern ist schlicht grauenhaft. Für meine Begriffe… Heute morgen, kurz vor 7 Uhr habe ich noch auf der Terrasse gesessen und einen stillen Morgen verbracht. Mit Vogelgezwitscher, wunderschönen grossen Eukalyptusbäumen, summenden Bienen und Blumen. Davon kann man hier nur träumen… Nichts wie raus aus diesem Moloch!
Keine First Class
Ich bin kein Snob. Die Economy Class in diesem Intercity ist äusserst bequem und für eine 2 1/2 Stunden dauernde Fahrt ausserordentlich billig.
Die Fahrt führt durch die Blue Mountains, aber man sieht kaum etwas, denn obschon die Bahnlinie über die Hügelkuppen führt, versperren die dichten Wälder den Blick auf die Landschaft. Und in der rötlichen Abendsonne ist von der blauen Luft gar nichts zu sehen…
Der Sohn ist etwas überfordert…
Mein heutiges Hotel ist ein sogenanntes „Serviced Appartment“. Eigentlich viel zu gross für mich und ausserdem für Wochenaufenthalter ausgestattet. Die Chefin hat mir gesagt, dass sie ihren Sohn instruieren werde und dass dieser mich kurz nach 7pm herein lassen werde.
Nun stehe ich vor der Eingangstüre, aber eine Klingel für die Rezeption finde ich nicht. Aber wenigstens steht eine Telefonummer an der Türe und ich rufe an. Carol nimmt ab und sagt, dass sie ihren Sohn sofort losschicken werde, sie sei nämlich in Sydney…
Nach einer Viertelstunde kommt der Sohn (ca. 25 Jahre alt) und er macht einen etwas gehetzten Eindruck. In der Hand hält er das WiFi-EFTpos-Terminal, mit welchem ich das Zimmer bezahlen müsste. Aber er kann es nicht in Betrieb nehmen und auch nach einem Rückruf an seine Mutter, schafft er es nicht. Also schreibt er meine Kreditkartenangaben in sein Mobile… Damit ist die Sache für ihn erledigt, nicht aber für mich. Ich hätte nämlich gerne einen Zimmerschlüssel… Er geht wieder ins Büro, findet aber keinen und dann sagt er, der Zimmerschlüssel liege normalerweise im Zimmer. Den findet er aber auch nicht… Also versucht er den Schlüssel des Hotels von seinem Schlüsselbund zu nehmen. Das schafft er auch nicht – und darum nehme ich ihm höflich aber bestimmt den Schlüsselbund aus der Hand und nehme diesen blauen Schlüssel vom Ring. Auf meine Frage, ob dieser Schlüssel auch ins Schloss der Haustüre passe, weiss er keine Antwort. Ich gehe nach unten und probiere den Schlüssel und dann kann der Sohn gehen…
Der neue Elektriker ist letzte Woche gekommen, hat sich den „Kabelsalat“ des Builders angeschaut und gemeint, dieser habe einen sehr guten Job gemacht. Wir haben die Materialliste zusammen gestellt und dann habe ich alles beim Spezialisten in Port Macquarie eingekauft…
Marcus, der Elektriker, ist tags darauf gekommen, um die Deckenleuchten und den Ventilator zu montieren. Aber leider hat das Girl beim Spezialisten den Kopf woanders gehabt und den kleinen Dimmer vergessen einzupacken… Und als Marcus den Ventilator angeschlossen hatte, tat dieser keinen Wank! Kaputt…
Nun muss ich heute Morgen den fehlenden Dimmer für die Deckenleuchten holen und den Ventilator austauschen lassen…
76mm Regen in drei Stunden
Das ist viel, aber in unserer Gegend „normal“. Solche Niederschläge werden in den Wetter-Warnungen ziemlich genau voraus gesagt und darum habe ich gestern bei 32°C, schwüler Luft und ohne einen Hauch Wind den Kanal entlang Gary’s Zaun „ausgebaggert“. Denn wenn „es kommen sollte“, dann läuft das Wasser in meinem Shed, wenn der Kanal nicht blitzblank sauber ist…
Ziemlich müde und überhitzt habe ich mich danach in den Pool gestürzt, um Abkühlung zu suchen. Aber bei 30°C Wassertemperatur ist das nicht gerade erfrischend. Nach den ersten Blitzen und einem massiven Donnergrollen war es Zeit für ein kühles Bier.
Es kam dann wie prognostiziert und und meine Inspektion des Kanals hat mir bestätigt, dass das Regenwasser mit hoher Geschwindigkeit den Kanal hinunter schiesst und sich auf das Grundstück unseres neuen Nachbarn ergiesst. Wasser fliesst nun mal den Berg hinunter, auch wenn das der Minister (Pfarrer einer der unzähligen Kirchen in Australien) nicht glauben will und immer noch hofft, dass der liebe Gott die Gesetze des Isaak Newton ausser Kraft setzen werde.
Der nächste länger dauernde Gewitterregen wird seinen Shed unter Wasser setzen und vermutlich auch sein Haus…
Janes Aufschrei
Beide Sitzplätze sind nun nicht mehr benutzbar. Die Tische sind nass, der Wind bläst den Regen bis an die Hauswand unter dem Dach und der Dachkännel überläuft.
Wir verziehen uns in unseren Living Room und geniessen Susannes Rösti. Dann schreit plötzlich Jane „… Switch off the lights…“. Aus der Deckenleuchte in der Küche fliesst Wasser auf den Boden. Ich hechte zum Lichtschalter, lösche das Licht und schalte ein Deckenlicht an, welches auf der Innenseite des Raumes ist.
Wir wischen die Wasserlache auf und stellen ein grosses Plastikbecken unter den „Wasserfall“. Und danach essen wir die Rösti fertig…
John ist auf dem Dach…
Noch am Sonntagabend sendet Jane dem Builder eine SMS. John verspricht, am Montagmorgen als erstes hier zu sein… Nun liegt er auf dem Dach und dichtet das Kabelrohr mit Sicaflex ab, welches der Elektriker beim Einziehen der Kabel herausgerissen hat.
Ich fahre nun an die Arbeit (Players Theatre) und hole auf dem Rückweg den Dimmer und den neuen Ventilator. Und dann biete ich Marcus auf, damit er den elektrischen Teil dieser unendlichen Geschichte fertig machen kann…