Diese Nummer muss man sich merken: FPL576CC4

Warum kauft einer einen dritten British Seagull?

Warum hat der Scheich von Saudiarabien eine riesige Anzahl von teuren Autos? Weil er spinnt – genau! Allerdings sind die Massstäbe leicht verschieden und auch sonst in der Motivation etwas unterschiedlich. Während dem Scheich seine Bentleys irgend wann alt werden und aus der Mode kommen, werden meine British Seagull sozusagen jünger und schöner…

FPL576CC4 ist ein Forty Plus Long Shaft

und im März 1974 gebaut worden. Leider haben diese Aussenborder keinen Betriebsstundenzähler und darum weiss ich nicht, wie hart er seither gearbeitet hat. Selbst wenn ich sein Winkelgetriebe zerlegen würde (was ich natürlich machen werde) und mir die Zähne der Zahnräder anschauen würde, dann könnte ich trotzdem nichts sagen – denn wenn er von einem „Liebhaber“ (etwas spinnen muss man schon…) genutzt worden wäre, dann sähen die Zähne des Kegel- und Kronenrades wie neu aus. Wenn hingegen ein Ignorant ihn in den Händen gehabt hätte, dann könnte ich das unschwer am Inhalt des Getriebegehäuses erkennen.

Eine etwas „kreative“ Verpackung…

Geoff war der Besitzer und er wohnt in Melbourne. Der Aussenborder lag in Canberra bei seiner Schwester. Geoff ist im Lockdown (wegen der zweiten Welle…) und darum hat er meine Verpackungsvorgaben an seine Schwester weitergeleitet. Sie hat dann mit Blöööterlifolie, alten Duvets, Stoffresten, Packpapier, Resten von Kartonschachteln und viel, sehr viel Klebstreifen eine wirklich kreative Verpackung gemacht. Sie hat den Transport überstanden, aber beim nächsten Umladen wäre sie wohl auseinander gefallen.

Der Seagull ist aber schadlos angekommen und wartet nun auf eine genauere Inspektion.

Warum mache ich das?

Mit ein paar Putzlappen, Sprit und Fettlöser und ein paar Kleinreparaturen wäre dieser Seagull sicher einsatzfähig. Aber das würde keinen Spass machen. Ich werde ihn nicht einmal in den Wassertank hängen und ihn starten – sondern ich werde ihn bis zur letzten Schraube zerlegen, jedes Teil sorgfältig prüfen, sauber machen, polieren, manche Teile neu lackieren und ihn dann wieder Stück für Stück zusammenbauen. Darin liegt der Sinn der Sache. Ich repariere gerne Maschinen…

Aber was mache ich mit einem „Long Shaft“?

Genau genommen kann ich ihn nicht gebrauchen… denn AMIGO ist viel zu klein und sein Spiegel eben nicht sehr hoch. Ein Long Shaft hätte die Schraube und den Auspuff so tief im Wasser, dass der Gegendruck für den Zweitaktmotor so gross wäre, dass er gar nicht mehr richtig laufen würde… 
Ich müsste also ein grösseres Boot haben oder ihn nach der Reparatur ans hiesige Maritime Museum verschenken oder ihn in unserem Esszimmer ausstellen – was wohl energischen Widerstand provozieren würde…

Der Kreis hat sich geschlossen…

Mit dem SE-210 hat alles angefangen…

in einer Militärbaracke, dort wo heute die Betonklötze von ibis und Novotel in den Himmel von Wankdorf ragen. Dort habe ich – fasziniert von der Funkerei – hinter der Morse-Taste gesessen und einen einfachen (militärischen) Text in Morse-Zeichen umgesetzt. Es war mühsam und ich hatte wenig Erfolg. Das Morse-Alphabet wollte nicht in meinen Kopf und ich habe mich laufend vertippt.
Beim Aufstellen der hohen Antenne war ich allerdings gut, aber wenn meine Kollegen hinter dem Funkgerät sassen, musste ich auf dem Tretgenerator den nötigen Strom erzeugen – auch nicht eine meiner Stärken…

Aber irgendwie hat sich diese Mischung aus Frustration und Faszination doch ausgezahlt. Bei der Aushebung 1965 hat sich der Aushebungsoffizier meine nicht gerade sportlichen Leistungen angeschaut und dann gefragt: „Wo weit der häre…???“ „Zu der Flügertruppe…“ Dann hat er den Stempel genommen und das Wort „Funker“ in mein Dienstbüchlein gehauen. 

Fliegerfunker Kompanie 4

Das sei etwas für „Intellektuelle“, sagte dann mein Kadi in der Rekrutenschule in Dübendorf, denn in dieser Truppengattung müsse man Englisch können… und obschon ich nie eine Handgranate vom Typ HG43 von weitem gesehen habe, prangt auch dieser Stempel in meinem Dienstbüchlein. Dafür aber gab es nun „UKW Richtstrahl-Technik“ von hohen und sehr geheimen Bergen bis hinunter auf die Militärflugplätze. Eine Art „Technologieschub“ für einen etwas „unfähigen“ Funker…

Amateurfunker Vereinigung der Technischen Hochschule Darmstadt

Ganz oben im Dachstock des Hauptgebäudes befand sich eine kleine Mansarde. Dort sassen die „Freaks“, den Zeigefinger auf der Morsetaste und den Kopfhörer auf den Ohren… nächtelang! Ich als „Funker“ wollte auch dazu gehören und wurde Mitglied. 
Wenn allerdings meine Kollegen 90 oder mehr Morsezeichen pro Minute mit ihren selbst gebauten Funkgeräten in den den Äther hinaus bliesen, dann konnte ich nur ohnmächtig zusehen. Und wenn dann einer aus den total verrauschten, verknackten und fast unentzifferbaren Morsezeichen das Kennzeichen einer Australischen Station ins Logbuch schrieb, war die Begeisterung der umstehenden Freaks unbeschreiblich – und ich ging nach Hause.

GMDSS

Auf der gegenüber liegenden Hausfassade hatte der Orkan Lothar gerade die ersten Jalousien von den Fassaden gerissen und der Zürichsee vor Küsnacht war ein Hexenkessel. Ich sass in einer Bankreihe und habe dem Instruktor zugehört, wie er das Heulen des Windes mit seinen „Mayday, Mayday, Mayday / This is Alice, Alice, Alice…“ zu übertönen versuchte.
Wochen später habe ich dann mein „Restricted Operator Certificate“ vom Bundesamt für Kommunikation erhalten – und damit hätte ich im Ernstfall den „Roten Knopf“ am Funkgerät einer Yacht betätigen dürfen. Nach den Regeln des „Global Maritime Distress and Safety System“… nur hatte ich kein Funkgerät!

Und dann kam AMIGO ins Spiel…

und „verschaffte“ mir die Gelegenheit, ein „VHF Marine Radio“ zu kaufen. Das hat keinen „Roten Knopf“, sondern nur eine Sprechtaste – und weil ich seit 1999 vielleicht viel vergessen hatte, habe ich mich dann für einen Kurs „Short Range Marine Radio Operator Certificate of Proficiency” SROCP angemeldet. In diesem Kurs lernt man, wann und wie man den roten „Distress“-Knopf drücken darf und soll – und vieles mehr…

LROCP

Aber dann kam mir mein Ehrgeiz in die Quere… und ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, das viel anspruchsvollere „Long Range OCP“ anzupacken. Das Handbuch ist doppelt so dick und eine Inmarsat C Satellitenfunkstation hatte ich noch nie in den Händen…

Die Sache mit dem Handbuch…

… war dann ziemlich „Australisch“. Auf meine Frage wann man „Prudence“ ins Microphon spreche, antwortete mein „Vigilator“ (also jener Mann, der meine Übungen überwacht): „Unfortunately the handbook is not up to date – so your question is irrelevant…“ Über ein paar Umwege habe ich dann eine überarbeitete Version von der University of Tasmania erhalten… I like that!

Die erste Hälfte ist geschafft…

Kurz nachdem ich mich für die Prüfung angemeldet hatte, musste ich den Simulator für ein Kurzwellen Marine Radio auf mein MacBook laden. An diesem musste ich dann alle möglichen Einstellungen vornehmen und die prüfungsrelevanten Sprechfunktexte „aufsagen“… Neben mir hat meine Video-Kamera mein Bedienen und Sprechen aufgenommen. Diese 9min33s musste ich dann dem Vigilator per Mail schicken und ausserdem Skype herunter laden, damit der zweite Teil der Prüfung dann per Telefon stattfinden kann. COVID-19 verbietet den physischen Kontakt zwischen dem Prüfling und dem Prüfer…

Der zweite Teil…

hat mich dann etwas nervös gemacht. Ich habe die Prüfungsfragen (es sind etwa 300) immer wieder herunter geladen und beantwortet, bis ich mir so sicher war, dass ich die Prüfung bestehen würde…

Gestern habe ich mein Skype App aktiviert und dann festgestellt, dass ich offenbar bei der Installation nicht ganz sauber gearbeitet habe. Was macht man dann? Man sucht im Netz nach einen YouTube-Filmchen für Senioren… Die sind nicht etwa für Blöde gemacht, sondern einfach, klar und verständlich (ohne das übliche doofe „Chatting“). 
Es ist kurz vor 8 Uhr, ich sitze im Büro, alles Nötige ist griffbereit, die Minuten fliessen zähflüssig dahin und dann klingelt es in meinem Bildschirm. Peter Wood (der Vigilator) poppt auf und lächelt: „Hello Karl, how are you?“

Es folgt eine Identifikation mit Pass und Driver Licence und dann blendet Peter die Fragen in meinen Bildschirm ein. Immer eine Frage und vier Antworten zur Auswahl. Ich trage meine Antwort in eine Liste ein und dann kommt die nächste Frage. Ob ich sie richtig beantwortet habe, werde ich in zwei, drei Wochen erfahren…

Nach der 25igsten Frage sagt Peter: „That’s it – you made it…“ Ich blicke in die Kamera und antworte: „Peter, my answer sheet needs 50 answers…“

Dann folgt ein kurzes Schweigen und das Eingeständnis, dass er mir den falschen Fragebogen eingeblendet hat. Also alles nochmals von vorne und nun die richtigen Fragen für den LROCP mit 50 Fragen.

Dann haben wir es geschafft und Peter meint, ich sei ziemlich schnell gewesen, die Mehrzahl der Prüflinge würden doppelt so lange brauchen. Ob das nun ein gutes Zeichen ist, weiss ich nicht. Aber ich habe ein gutes Gefühl und wenn ich die Prüfung nicht bestehen würde, dann würde mich das sehr erstaunen. On verra…

Ein blauer Dunst über dem Hastings River…

Obschon…

man sagt, dass ein British Seagull mit dem richtigen Benzin-Öl-Gemisch und dickem SAE 140 im Winkelgetriebe ewig läuft, nehme ich meine Watersnake heute mit an Bord. Und falls auch dieser versagen sollte, habe ich noch zwei Ruder dabei und Bizeps…

Und obschon ich mir einiges in Sachen Seagull-Reparaturen zumute, starte ich heute Morgen den SJM55590 mit etwas flauem Gefühl im Magen.
Denn die Flut hatte ihren höchsten Stand um 9:02am und ich schiebe AMIGO schon ins ablaufende Wasser. Wenn die Motoren und die Bizeps versagen sollten, dann könnte ich noch den Anker auswerfen, bevor es mich ins offene Meer treiben würde…

Bewunderer

Hölzerne Boote ziehen Menschen an. Ich muss die vielen Bewunderer etwas „knapp halten“ sonst kommt AMIGO nie ins Wasser. Und wenn ich ihnen dann sage, dass er 1961 gebaut worden ist, dann werde ich sie fast nicht mehr los. Und auch der ebenso alte British Seagull wird von allen Seiten bestaunt.

Klares Wasser

Ich reisse an der Starterschnur und das Motörchen beginnt zu schnurren. Hier im Mündungsbereich des Hastings River ist das Wasser glasklar und ich kann den Sand, das Seegras und ein paar Steine auf dem Grund sehen. Nicht ganz so klar wie der Thunersee, aber viel, viel besser als die meisten Küstenflüsse hier an der Ostküste.

Das könnte dazu verleiten, „nach Grundsicht“ zu navigieren – aber die Uferzonen gegen die Mangrovenwälder sind flach und fallen bei Ebbe trocken. Also besser zwischen den roten und grünen Bojen im Fahrwasser bleiben…

Keinen Cappuccino

Mein heutiges Ziel liegt flussaufwärts und ich habe mir vorgenommen, im Rivermart Café einen Cappuccino bringen zu lassen. Nach gut 4 Seemeilen wäre ein Cappucino wunderbar, aber leider hat dieses Café zwar eine Terrasse bis ans Wasser, aber weder Pfähle zum Festmachen, noch einen Steg zum Aussteigen. Und ausserdem ist die Uferbefestigung stark mit Muscheln bewachsen – also kein Anlegen und keinen Cappuccino…

Die Hibbard Ferry ist eine der zwei Fähren über den Hastings River. Sie ist allerdings nur in den Stosszeiten in Betrieb. Die Settlement Ferry ist rund um die Uhr und fast permanent unterwegs. Sie zieht sich an zwei dicken Drahtseilen, welche auf dem Flussbett liegen über den Fluss. Sie hat Vorfahrt vor allen anderen Schiffen und man darf sie nicht kreuzen, solange sie am Fahren ist.

Dem Fluss entlang ranken sich die noblen Villen der „oberen Hundert“ (mehr gibt es in Port Macquarie nicht) und sie haben alle einen eigenen Landungssteg, einige mit grossen Motorjachten. Kein Ort zum Wohnen für mich…

Delphine

bei ablaufendem Wasser schwimmen die Delphine aus dem Meer in den Hastings River – nicht weit flussaufwärts, aber so weit bis das Wasser brackig wird.

Sie springen heute Mittag in Gruppen und haben offensichtlich Spass an diesem Tanz durch die Wellen. Mir gelingt kein Bild mit meinem iPhone… und mit meinem etwas „seltsam klingenden„ Motor halte ich lieber Abstand zu ihnen. Und ausserdem…

die blaue Wolke

Auf meinen 8.6 Seemeilen habe ich etwas mehr als eine Tankfüllung Benzin verbrannt – und damit auch etwa anderthalb Deziliter Öl in die Luft und ins Flusswasser gepustet. Umweltfreundlich ist das nicht… Ich sehe über dem Kielwasser diesen blauen Ölnebel aus aus dem Wasser steigen – zum Glück blicken die Wanderer, Velofahrer und die Fischer am Ufer nur quer zu dieser „Öl-Fahne“.

Umrüsten?

Das hat mir etwas zu denken gegeben. Denn wenn ich weiterhin mit dem Seagull auf  Flüssen unterwegs sein will, dann ist das kein gutes Gefühl. Man kann die alten British Seagull nämlich auf ein magereres Gemisch umbauen – ohne dass sie dabei Schaden nehmen. Man muss im Vergaser die Vollgas-Düsen-Nadel durch eine andere ersetzen. Das muss ich wohl auf meinen Arbeitsplanung setzen…

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